Die Karlsbergstraße in Homburg ist eine kleine Gasse am Rande der Innenstadt. Sie verdankt ihren Namen der berühmten Brauerei, die bis heute in der Straße ihren Sitz hat. Unter der Hausnummer 29 befindet sich ein ansehnliches Bürgerhaus mit steilem Dach und schönen Fensterläden. Das Haus gehört der Familie Ginkel und war bis zum Tod des Malers Heinz Ginkel dessen Wohn- und Arbeitsort.
Im Erdgeschoss hatte der Maler Galerieräume, in denen er regelmäßig seine eigenen Werke und die seiner Kollegen ausstellte. Durch die Diele gelangt man in den Hinterhof, der mit seinen Blumen und Möbeln mediterranes Flair verbreitet. Ein besonderer Ort ist das zweigeschossige Hinterhaus, das der Maler als Atelier nutzte. Hier scheint die Zeit seit Ginkels Tod im März dieses Jahres stehen geblieben zu sein. Jeder Winkel erinnert an den Maler.
Nun lädt die Familie für einige Wochen zu einer retrospektiven Gedächtnisausstellung, die zu einer Entdeckungsreise in die Welt Ginkels entführt. Der Maler ist nur eingefleischten Kunstfans ein Begriff. Das liegt nicht an der Qualität seiner Werke, sondern an seiner Eigensinnigkeit, sich dem klassischen Kunstbetrieb zu entziehen. Selbst Einladungen zu internationalen Ausstellungen sagte er ab. Daher ist es umso überraschender, dass er seit Mitte der 1970er-Jahre als freischaffender Künstler arbeiten konnte. Die Preise seiner Werke sind verblüffend. Offenbar konnte Ginkel zwischen 10.000 und 80.000 Euro verlangen – private Sammler aus der Region bezahlten diese Spitzenpreise.
Auch wenn Ginkel im Saarland kaum bekannt ist, war er in Homburg eine Institution und prägte die Kulturpolitik der Stadt hinter den Kulissen. Im Jahr 1995 gründete er gemeinsam mit Madeleine Mangold, Klaus Glutting und J. N. R. Wiedemann die Künstlergruppe „HOM 4“. In der Stadt kennen ihn viele, was auch die gut besuchte Vernissage beweist.
Die aktuelle Ausstellung wurde auf Bitten der Familie von Andrea Jahn, ehemalige Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, kuratiert. Die Kunsthistorikerin hat gemeinsam mit der Familie Arbeiten aus den letzten 50 Jahren zusammengetragen und aus einem Konvolut von rund 1.000 Werken eine repräsentative Auswahl getroffen. Jahn kannte Ginkel nicht persönlich, war nach der Sichtung des Werkes jedoch begeistert. Sie lobt den Maler: „Ginkel hat ein unglaublich reiches Werk geschaffen. Ich bewundere seinen Mut und die Konsequenz, mit der er gearbeitet hat.”
Ginkel wurde 1951 in Kirkel geboren und studierte von 1968 bis 1972 in Südfrankreich bei dem Australier Matthew Perceval. Dieser begeisterte ihn für die Pleinair-Malerei. In einem impressionistisch angehauchten Stil malte Ginkel in der Folge, beseelt von Farbe und Licht, Landschaften und florale Motive. Die Arbeiten aus der Zeit Anfang der 1980er-Jahre sind berauscht von Farbe, etwa das gelb glühende „Rapsfeld“ oder die „Wilden Lupinen“. Nach einer kurzen Zeit im Saarland ließ sich Ginkel in Paris nieder, wo zu dieser Zeit auch sein Lehrer lebte. Hier begann er, den weiblichen Körper figürlich darzustellen. Dabei ging es Ginkel aber nicht um erotische Darstellungen, wie Kuratorin Jahn betont: „Er feierte die schwangere Frau als Synonym für das Schöpferische des Menschen.“ Es entstanden stark zeichnerisch geprägte Arbeiten auf Papier.
Nach seiner Rückkehr ins Saarland experimentierte Ginkel wild: Er sprühte Farbe, kratzte sie wieder ab oder benutzte Lacke in wilden Kompositionen. Es entstanden Selbstporträts und betörend schöne Landschaftsbilder, die mit gestischen Abstraktionen spielten. In den 1990er-Jahren entstand die Embryo-Serie. Jahn erklärt: „Ginkel thematisierte den Kreislauf von Werden und Vergehen und feierte das Wunder des Lebens. Es ist auch eine Reflektion der eigenen Erfahrung des Vaterseins.“
In den letzten 20 Jahren experimentierte Ginkel viel mit Form und Farbe. In Serien entstanden herausragende Abstraktionen, aber auch gegenständliche Arbeiten wie die „Gelbe Blüte“ von 2005 oder die „Rose“ von 2018, ein wunderbar expressives Werk, in dem eine rosafarbene Rosenblüte zu einem wilden Farbnebel wird.
Im Obergeschoss des Atelierhauses wirkt alles so, als habe Ginkel nur eine Pause eingelegt. Seine Schuhe stehen da, die Staffelei steht im Raum. Mittendrin liegen Farbdosen und Pinsel auf einer Plane, die den Boden schützen soll. An der Wand lehnen die letzten Arbeiten des Malers. Diese schuf er im vergangenen Jahr, als bereits feststand, dass er seine Erkrankung nicht überleben würde. Und wieder überrascht Ginkel. Seine großformatigen Werke versinken nicht in melancholischen Motiven mit düsterer Farbgebung. Die Farbpalette hellt sich auf und der Mensch rückt wieder in den Mittelpunkt.
Zumindest kann man die Formen als solche deuten. Wie bei Giacometti sind die Figuren stark gestreckt, Extremitäten und Köpfe sind nur angedeutet. In Gelb- und Brauntönen setzt Ginkel die Figuren aus Tupfen und Klecksen zusammen. Nichts spricht hier von Hoffnungslosigkeit, Trauer über die eigene Vergänglichkeit oder Angst vor dem Tod. Ganz im Gegenteil feiert hier jemand das Leben mit all seinen Facetten.
„Heinz Ginkel. The Painter“, bis 20. Dezember 2026, Karlsbergstraße 29, Homburg, Öffnungszeiten DO und FR von 17 bis 19 Uhr