Kaum ein Saarländer dürfte noch nicht an einem Werk von Paul Schneider vorbei geschlendert sein. Wie kein anderer prägte der Bildhauer den öffentlichen Raum im Saarland der Nachkriegszeit. Insbesondere rund um den St. Johanner Markt in Saarbrücken und in der Region Merzig hinterließ er viele Arbeiten. Mit dem Bildhauersymposium „Steine an der Grenze“ lockte er renommierte Bildhauer ins Saarland.
Nun widmet ihm der Kunstverein Dillingen eine Retrospektive, die eine neue Facette des Künstlers offenbart. Kurator Wolfgang Birk stellt Arbeiten auf Papier in das Zentrum der Ausstellung. Wer nun jedoch Zeichnungen erwartet, das sich eng an die bildhauerische Arbeit anlehnen, wird überrascht. Schneider schuf Zeichnungen, die unabhängig von seinen plastischen Arbeiten sind.
Schneiders „Vorstudien“ sind auch in der Ausstellung vertreten. Es sind kleinformatige Arbeiten, in denen Schneider experimentierte. Sie waren sein Übungsfeld. Dass Schneider kaum Vorzeichnungen anfertigte, lag an seiner Arbeitsweise. Der Bildhauer versuchte das Einzigartige eines Steines herauszuarbeiten und den individuellen „Charakter“ eines Steinblocks festzuhalten. Er verwendete auch nicht jeden Stein, sondern wählte sorgfältig aus: schwarzen Granit, aber auch roten und sogar grün schimmernden Amazonit-Granit.
Die Zeichnungen und Aquarelle Schneiders hat Birk weitgehend chronologisch geordnet. Den Anfang machen zwei gegenständliche Landschaftsansichten in expressiver Farbigkeit, die Ende der 1940er-Jahre entstanden. In dieser Zeit studierte Schneider an der Staatlichen Werkakademie Kassel bei documenta-Gründer Arnold Bode, Ernst Röttger und Kay H. Nebel. Anschließend studierte er Bildhauerei am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main, brach das Studium aber ab, da ihm die streng akademische Ausrichtung missfiel. Schneider wollte freier arbeiten.
Ende der 1950er Jahre lernte Schneider den renommierten österreichischen Bildhauer Karl Prantl kennen. Die beiden begannen eine lebenslange Freundschaft und Schneiders Werk erfuhr einen deutliche Veränderung. Die Zeit um 1960 war eine Hochphase im zeichnerischen Werk. Schneider malte surreal anmutende organische Gebilde, die wirklich herausragend sind. Zugleich arbeitete er aber auch an reduzierten Formen, die überraschend stark von der Farbe bestimmt sind. In anderen Arbeiten schaffte es Schneider, strenge Linienrasterungen in Aquarellen zu setzen, aus denen sich Grundformen herausheben. Schneider schwelgte im Farbenrausch und untersucht das Zusammenspiel von Form und Farbe. Kennt man sein plastisches Werk, überrascht das dann doch sehr.
Bei Studienaufenthalten in Griechenland und Italien entstanden ganz andere Zeichnungen. Schnieder setzte Landschaft und Architektur mit schwarzem und braunem Filzstift um. Er setzt wenige Formen in schwarz und betont dann die Vertikalität über gestisch dicht gesetzte Striche in Braun. In anderen Arbeiten tauchten Anfang der 1960er-Jahre dann Quadrate und die Treppenformen auf, die später Schneiders bildhauerisches Werk bestimmten. Immer wieder arbeitete Schneider auch in den folgenden Jahrzehnten zeichnerisch. Sein letztes Aquarell entstand nur wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 2021.
Eine Ausstellung zu Scheiders Werk kann natürlich nicht ohne plastische Arbeiten auskommen. Der Kunstverein hat hier ein kleines, abwechslungsreiches Konvolut zusammengetragen, dass eine Übersicht über das abwechslungsreiche Schaffen gibt. Im vorderen Teil zeigt Birk klassische Werke Schneiders, die ganz behutsam und stark reduziert Formen aus dem Material schälen
Im hinteren Teil der Ausstellung befindet sich in einer Vitrine eine Büste aus Ton, kleinere Objekte und abstrakte Formen aus Aluguss, die mit Form und Farbe spielen. Außerdem gibt es eine Arbeit aus geschweißten Stahlplatten zu sehen, die sich beim Umrunden öffnet und schließt. Fast scheint es so, als würde sie atmen.
Die Ausstellung in Dillingen ist ein Glücksfall, denn sie präsentiert bisher wenig bekanntes und kaum gezeigtes Werkmaterial aus allen Schaffensphasen Schneiders. Werke aus dem Nachlass des Künstlers werden durch Stücke aus der Kunstsammlung des Saarlandes ergänzt.
Paul Schneider, bis 15. Februar 2025, Kunstverein Dillingen, Stummstraße 33, 66763 Dillingen/Saar
Öffnungszeiten: Sa, So, 14-18 Uhr, für Gruppen nach Vereinbarung