Andrea Neumann, Der seltsame Gleichmut der Gravitation, 2018, Ansichten tin der Johanneskirche, Foto: Ludwig Schmidtpeter
Andrea Neumann, Der seltsame Gleichmut der Gravitation, 2018, Ansichten tin der Johanneskirche, Foto: Ludwig Schmidtpeter

Eine Spende für die Kunst

Die Evangelische Kirchengemeinde St. Johann möchte ein Werk der 2020 verstorbenen Künstlerin Andrea Neumann ankaufen und bittet um Spenden.

Ein Bild wie ein Fanal. „Der seltsame Gleichmut der Gravitation“ der im Sommer 2020 verstorbenen Andrea Neumann ist nicht nur das Opus Magnum der Künstlerin, es ist zweifellos eines der bedeutendsten Gemälde der zeitgenössischen Kunst im Saarland. Geschaffen wurde das Triptychon für eine Ausstellung in der Johanneskirche im Jahr 2018. Das merkte man spätestens in diesem Frühjahr bei einer Gedenkausstellung für Neumann in der Städtischen Galerie in Neunkirchen. Das Bild war in einem zentralen Kabinett ausgestellt, hatte aber viel von seiner Kraft eingebüßt, weil es aufgrund seiner Größe unter beengten Verhältnissen gehängt werden musste. Und auch das kalte Flair der weißen Wände tat dem Werk nicht gut. Das Bild scheint die Kirchenwände in der Apsis der Kirche zu benötigen, es braucht das warme Licht der roten Buntglasfenster und die Atmosphäre des Sakralbaus.

Nun bekundet die Evangelische Kirchengemeinde St. Johann Interesse daran, das Bild zu kaufen. Doch es ist für die Gemeinde unerschwinglich. 25.000 Euro soll es kosten, was angesichts der Qualität und Bedeutung des Werkes ein angemessener Preis ist und deutlich unter dem eigentlichen Verkaufspreis liegt. Trotzdem ist es der Kirchengemeine St. Johann unmöglich, diese Kosten zu stemmen und angesichts leerer Kassen wäre es wohl auch nicht zu vermitteln. Darum bittet die Gemeinde nun um Spenden für den Ankauf: „Es ist für uns die einzige Möglichkeit, dieses Triptychon zu erwerben“, so Pfarrer Herwig Hoffmann. „Für diesen Ort wurde es geschaffen und dort gehört es hin“, ist Hoffmann überzeugt. Das Werk soll dort einen dauerhaften Platz finden. „Es würde nach einem Ankauf nicht immer dort hängen“, so der Pfarrer weiter, „aber häufig in der Kirche zu sehen sein.“

Lange musste Hoffmann mit der Künstlerin reden, bis sie sich entschloss, ein Werk für die Johanneskirche zu schaffen: „Schon 2015 war ich auf Andrea zugegangen“, erzählt Hoffmann, „denn ein kleines Werk von ihr im Raum der Stille hatte mich tief berührt.“ In einem langen Prozess des Dialogs zwischen den beiden schien in Neumann nach anfänglichem Zögern schließlich doch die Überzeugung zum Werk zu reifen. Hoffmann erinnert sich: „Etliche Male war sie nach der Zusage vor Ort, schaute sich die Situation an und nahm die besondere Stimmung des Ortes auf.“

„Der seltsame Gleichmut der Gravitation“ ist eines ihrer geheimnisvollsten Bilder. Die Bildinhalte sind kaum zu enträtseln, scheinen vielschichtig immer neue Situationen anzubieten, nur um sie dem Betrachter im nächsten Augenblick zu entreißen, wenn dessen Blick weiterwandert. Es entfaltet eine besondere Kraft und Anziehung, weil es Fragen aufwirft. Antworten liefert es hingegen nicht, die muss der Betrachter selbst finden. Das Gemälde lädt zum Schauen, Entdecken und Nachdenken ein und unweigerlich auch zum Austausch.

Im Mittelpunkt von Neumanns Arbeit stand immer der Mensch. Trotzdem bleiben die meisten Werke im Ungefähren, die Figuren sind durch die schemenhafte Auflösung ihrer Mimik beraubt. So bleibt viel Raum für eigene Interpretation. Die gebürtige Stuttgarterin wirft in ihrem Œuvre zentrale Fragen des Menschseins auf und zeigt existenzielle Situationen, die uns in der tagtäglichen Auseinandersetzung mit uns selbst und dem Leben beschäftigen. Sie hinterfragt in ihren Bildern symbolhaft Kontrolle und Gewissheit unseres Daseins, indem sie Unkontrollierbarkeit und Ungewissheit andeutet, so wie sie es auch mit dem Erstellungsprozess des Bildes versucht, indem sie flüssige Temperafarben in einem geschickt gesteuerten Prozess aus Zufall und Kontrolle über die Leinwand fließen ließ. Sie selbst hat einmal erzählt, dass sie in dem Bild nach den „Übergangszonen zwischen Vertrautem und dem Unbekannten unseres Daseins“ fragt. So berührt auch weniger das, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht, aber instinktiv erfühlt. Unweigerlich weckt die Betrachtung des Bildes Emotionen, Zweifel und Unsicherheit.

„Der seltsame Gleichmut der Gravitation“ war 2018 erstmals in der Johanneskirche zu sehen und wurde nach Neumanns Tod noch mal im Herbst des vergangenen Jahres gezeigt. Ab 10. Oktober 2021 ist es erneut in der Kirche ausgestellt.

Gespendet werden kann auf das Konto der Kirchengemeinde mit dem Verwendungszweck: „Ankauf Andrea Neumann“ unter der IBAN: DE98 5909 2000 3055 5500 09 (BIC GENODE41SB2). Für eine Spendenquittung muss die Adresse angegeben werden.

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