Sabine Groß, „Graue Eminenz“, Foto: Saarlandmuseum
Skulptur von Sabine Groß („Graue Eminenz“) erinnert an „House of Cards“ von Richard Serra, Foto: Saarlandmuseum

Konfrontation und Dialog

Die Berliner Künstlerin Sabine Groß bringt zeitgenössische Kunst und Archäologie in einen Dialog.

Wenn man derzeit durch das erste Obergeschoss des ehemaligen Kreisständehauses am Schlossplatz flaniert, könnte man auf den Gedanken kommen, es sei eingebrochen worden. Leere Vitrinen, ein Chaos aus Platten, Sockeln und archäologischen Funden. Doch es ist die Ausstellung „Sabine Groß: Show Time – Eine Archäologie der Zukunft“ zu sehen sein. „Show Time“ und der Titel verrät: wir sehen hier sichtbar gemachte Zeit.

Es ist ein Gegenüber und Miteinander von zeitgenössischer Kunst und Archäologie, ein ständiger Kampf zwischen Dialog und Konfrontation, den die Berliner Künstlerin Sabine Groß hier ersonnen hat. Und der ist höchst spannend. Groß hinterfragt unser Verständnis von Kunst. Gleichzeitig untersucht sie die Mechanismen musealer Präsentation und hintertreibt subtil unsere Sehgewohnheiten: Was ist Original und was Fälschung und was macht ein Objekt zu Kunst? Groß inszeniert wichtige Werke der jüngeren Kunstgeschichte als zukünftige Ausgrabungsfunde.

„Show Time“ von Groß mit archäologischen Fundobjekten, Foto: Saarlandmuseum

Im mittleren der drei Säle stößt man auf ein merkwürdiges hohles Objekt, dass nach einer abstrakten Komposition der zeitgenössischen Künstlerin ausschaut. Geht man um das Exponat herum, entpuppt es sich als Abguss eines Sandstein-Reliefs, das in römischer Zeit als Grabstein eines Schmieds diente. Der Rest des Raumes ist ein wildes Durcheinander aus Sockeln und Holzplatten. Darin verstreut liegen unterschiedliche Steine wie in einer stilisierten archäologischen Ausgrabungsstätte. Welche Objekte Originale sind und welche von Groß stammen, lässt sich kaum einordnen. 

Die Ausstellung beginnt im Erdgeschoss mit einem kleinen „Making of“, das einen Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin bietet. Per iPad kann man im Skizzenbuch stöbern und ihre Ideenfindung nachvollziehen. Im ersten Saal stellt Groß dann mit „Gefunden“ verwitterte Metallplatten aus. Ein Zitat von Carl Andre an der Wand verrät, um was es hier geht. Ein immer wieder auftauchendes Motiv des Minimal-Art-Künstlers sind auf dem Boden ausgelegte Metallplatten. Handelt es sich hier um archäologische Funde des Künstlers? Mitnichten, denn die Platten sind ein Werk von Groß aus polymerisiertem Gips, Pigmenten und Wachs, das nur täuschend echt wie verwittertes Metall wirken.

Immer wieder spielt Groß gekonnt mit Material und Oberfläche und führt ein Verwirrspiel um Original oder Fälschung. Sicher kann man sich hier nie sein und erst der Objekttext verrät die Echtheit. Immer wieder narrt uns Groß so.

Museumsleiterin Andrea Jahn und Sammlungsleiter Thomas Martin gehen mit der Ausstellung ein kleines Wagnis ein, um das Haus wieder stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken und neue Besuchergruppen zu erschließen. Die Schau dürfte ein Highlight des Jahres in der Region sein, weil sie reizvoll ist und Ungewöhnliches versucht.

„Sabine Groß: Show Time – Eine Archäologie der Zukunft“, bis 7. November 2021, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Saarbrücken

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