Gillian Brett, Bionic Leaf, 2021, Detail Ausstellung Stadtgalerie Saarbrücken, Foto: Oliver Dietze
Die Saarbrücker Stadtgalerie zeigt: Gillian Brett - Die Antiquiertheit des Menschen. Foto: Oliver Dietze

Zwischen Verkünstlichung und Identitätssuche

Die Stadtgalerie präsentiert Gillian Brett und Matej Bosnić zwei spannende Künstler mit sehr unterschiedlichen Themen.

Macht der Mensch sich selbst überflüssig? Auf diese Idee könnte man bei dem Ausstellungstitel „Die Antiquiertheit des Menschen“ kommen und angesichts immer größerer Probleme vieler Menschen, sich in einer zunehmend komplexeren und technisierten Welt zurechtzufinden, ist dies gar nicht so falsch. Die französische Künstlerin Gillian Brett führt uns das sehr bewusst vor Augen.

Quietschend dreht sich da ein Döner und drei Grillhähnchen am Spieß vor kaltweißen Leuchtkästen in einer sterilen Atmosphäre. Die Form verrät das Lebensmittel, doch sind die nicht essbar. Sie bestehen aus durchsichtigen Harzen, die als toxisches Nebenprodukt bei der Benzinherstellung anfallen und sind mit elektronischen Teilen gefüllt. Ein ironischer Hinweis auf die industrielle Perfektionierung unserer Nahrung, den auch der Titel „Smart Food: better for you and the planet“ andeutet.

Los geht es aber im ersten Raum mit der Werkserie „Bionic Leaves“. Hier hängen Blätter in kleinen Vasen an den Wänden. Was auf den ersten Blick floral wirkt, entpuppt sich als verformte Platine mit Kabel als Stängel. Eine nett verpackte, aber harsche Kritik an der Verkünstlichung der Welt durch unser Streben nach Profit und Effizienz.

Fies wird es im hinteren Raum der Ausstellung. Hier stinkt es nach Chlor und Chemie und es ist einer der seltenen Momente, in denen man froh ist, eine Maske zu tragen. In der Mitte des Raumes plätschert ein kleiner Tümpel. Seinen Grund bilden zerstörte, aber noch leuchtende Bildschirme, die Umfassung besteht aus zusammengeschmolzenen Plastikgehäusen elektronischer Geräte. Das Werk soll an den Gegensatz zwischen neuen ökologischen Technologien und ihrer Produktion erinnern, die häufig mit großer Umweltverschmutzung verbunden ist. Das Werk berührt vor allem deshalb, weil es nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt, sondern uns wertfrei daran erinnert, was wir anrichten.

Etwas weniger stark ist die Arbeit im St. Johanner Raum. Hier gruppiert die Künstlerin LCD-Bildschirme, die sie zuvor zerbrochen oder durch Löcher modifiziert hat. Die im Faltblatt versprochene „Geste mit starkem Symbolcharakter“ bleibt unerfüllt, denn die Zerstörung eines Bildschirmes bedeutet noch lange nicht, „sich von konformistischen und aufgezwungenen Inhalten zu befreien“. Es bleibt beim symbolischen Akt, denn dem Betrachter wird nun etwas anderes „aufgezwungen“. Formal und ästhetisch sind die Arbeiten dennoch spannend, weil es Brett schafft, ohne Programmierung ein Bild zu erzeugen, das sie gezielt erschafft.

Die Saarbrücker Stadtgalerie zeigt Matej Bosnic:πάσχειν (páskhein) Foto: Oliver Dietze

Sehr unterschiedlich geht auch der kroatisch-stämmige Künstler Matej Bosnić mit seinen Themen um. Unter Baumwolltüchern und weißem Puder verbirgt er auf dem Boden Fragmente früherer Arbeiten. Das Weiß scheint vom Raum geschluckt zu werden und dieser damit die Erinnerung an frühere Arbeiten aufzusaugen und zu vereinnahmen. Es geht dem Künstler vor allem um die Frage, wie wir unsere Umgebung beeinflussen und wie diese uns prägt. Nur nimmt er den Besucher dabei zu wenig mit und gibt ihm zu wenig an die Hand, damit dieser den Gedanken folgen kann.

Weitaus besser löst er das im zweiten Saal. Der ist mit dunklen Stoffen und Teppichen ausgekleidet. Licht und Geräusche, die durch die Fenster dringen, scheinen absorbiert zu werden. Im Mittelpunkt des Raumes stehen vier Glaskästen, in denen der Künstler Wasser aus der Drau gesammelt hat, die durch seinen Heimatort Osijek fließt, aus dem Adriatischen Meer bei Split, aus dem Rhein bei Bonn, wo der 1990 geborene Bosnićlebt, und aus der Saar.  Zu allen Orten hat der Künstler einen persönlichen Bezug, hat dort gelebt, studiert und gearbeitet.

Nun verdunstet die Flüssigkeit und mischt sich mit der Luft im Raum. Gleichzeitig entgrenzen die transparente Materialität des Wassers und des Glases den Raum. Man muss schon genau hinsehen, um das Wasser im Glas zu entdecken. Geräusche von den Wasserentnahmestellen sirren und plätschern durch die Luft, Glasscheiben auf dem Boden nehmen die Transparenz der Kuben auf, reflektieren aber auch das Licht von draußen. Auch diese Arbeit kann man als vielschichtigen Versuch lesen, dem Raum Spuren der Erinnerung und der Erfahrungen des Künstlers einzuverleiben, sie scheint aber auch die Frage nach Identität zu stellen: Wo und wie verorte ich mich in dieser Welt und welche Erlebnisse spielen dabei eine Rolle?

Der Titel von Bosnićs Ausstellung, „πάσχειν (páskhein)“, stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet sowohl „leiden“ als auch „erfahren“. Beides kann man in Bosnićs Werk entdecken, wenn man sich die Zeit nimmt.

Matej Bosnić: πάσχειν (páskhein), Gillian Brett: Die Antiquiertheit des Menschen, bis 3. Oktober 2021, Stadtgalerie Saarbrücken

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