Obwohl Volker Lehnert seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr im Saarland lebt, ist die Begeisterung für ihn und seine Kunst in der Region ungebrochen. Seine Künstlerkollegen schwärmen in den höchsten Tönen und viele erinnern sich gerne an die gemeinsame Zeit in den 1980er- und 1990er-Jahren, als Lehnert dem Saarländischen Künstlerbund vorstand und sich kulturpolitisch für die Künstlerinnen und Künstler einsetzte.
Volker Lehnert wurde 1956 in Saarbrücken geboren und wuchs dort auf. Von 1976 bis 1981 studierte er Bildende Kunst, Kunstgeschichte und Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (heute Kunsthochschule Mainz). Danach kehrte er ins Saarland zurück. Nahezu sein ganzes Künstlerleben war Lehnert Lehrer, erst am Gymnasium in Saarbrücken, dann ab 1996 als Professor für Zeichnung an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. Im Jahr 2000 wechselte er an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er vor vier Jahren emeritiert wurde. Er erzählt: „Ich habe die Arbeit mit jungen Menschen sehr vermisst. Ich habe gerne mit meinen Studierenden gearbeitet und war gerne Lehrer. Noch heute habe ich Kontakt zu einigen Schülerinnen und Schülern aus dem Saarland.“
Seit jeher ist Lehnert ein begeisterter Zeichner. Ruhige Urlaube am Strand sind nicht sein Ding. Wie ein Besessener zeichnet der in Witten lebende Künstler im Urlaub, was er sieht: Natureindrücke, historische Architektur und urbane Räume hält er mit schnellem Duktus zeichnerisch fest und variiert dabei von einfacher Skizze bis zu detailversessener Architekturillustration. Dabei geht es ihm jedoch nicht um bloße Illustrationen mit hohem Wiedererkennungswert, sondern um ein subjektives Festhalten des Gesehenen. Aus diesem Erinnerungsarchiv bedient er sich dann zur Ausarbeitung seiner Werke. Er greift Motive auf, verfremdet sie und stellt sie in neue Sinnzusammenhänge.
Die Titel der Ausstellungen von Lehnert sind häufig selbstironisch gewählt und sorgen für ein Schmunzeln. „Kritzelbarock“ war eine der letzten Ausstellungen im Saarland, in der Lehnert Zeichnungen barocker Architektur zeigte. Für die Ausstellung in Dillingen hat sich Lehnert für den Titel „Blöde Büsten“ entschieden, angelehnt an die in seinen aktuellen Arbeiten häufig erscheinenden Büsten.
Lehnert hat lange vor allem zeichnerisch und druckgrafisch gearbeitet. In den aktuellen Arbeiten, die im Kunstverein Dillingen gezeigt werden, ist er vor allem mit Gemälden vertreten. Er sagt: „Ich habe immer gemalt, doch das Zeichnen ist mein eigentliches Medium.“ In Dillingen zeigt er vor allem großformatige Eitempera-Gemälde. „Ich male nur mit Eitempera, weil mir dies einige Vorteile bietet“, erzählt Lehnert und führt aus: „Durch das Selbstanmischen der Farbe kann ich mehr oder weniger Pigment zumischen. So bleiben die unter der Farbe liegenden Schichten sichtbar, wenn ich das möchte.“ Lehnerts aktuelle Arbeiten sind zwar Gemälde, sie leben aber vom Zeichnerischen. Transluzente Farbflächen werden von zeichnerischen Fragmenten unterlaufen oder überlagert. Mal sind es Geröll- oder Felsstrukturen, dann wieder fast kindlich anmutende „Kritzeleien“ von stark abstrahierten Figuren. Die Farbe gewährt Ein- und Durchblicke, verschleiert aber auch oder verwehrt den Blick ganz. Wie Fetzen der Erinnerung im Gedächtnisnebel scheinen die Bilder Aufzeichnungen von Erlebtem zu sein, angereichert mit Zeichen, Symbolen und Rückgriffen auf kindliche Zeichenwelten.
Wie ist es, mit der Ausstellung ins Saarland zurückzukommen? „Ich bin gerne hier, auch wenn mein Lebensmittelpunkt inzwischen im Ruhrgebiet liegt. In Witten haben meine Frau und ich eine ehemalige Schule gekauft und unsere Ateliers eingerichtet. Wir leben auch in der Stadt.“ Lehnert ist mit der Künstlerin Bettina van Haaren verheiratet, die aus Krefeld stammt und ebenfalls lange im Saarland lebte.
Kann er sich vorstellen, zurückzukommen? „Nein“, sagt er, „die Verbindung ins Saarland ist nur noch lose.“ Dabei hat Lehnert in den 1980er Jahren die Kulturpolitik der Region wesentlich mitbestimmt. Er war einer der Mitbegründer des Saarländischen Künstlerhauses und langjähriger Vorsitzender des Saarländischen Künstlerbundes. Lehnert war schon immer ein streitbarer Kämpfer für Kunst und Kultur und prägte als SKB-Vorsitzender insbesondere die Anfangszeit der Landeskunstausstellung, die auf seine Mitinitiative hin entstand und in der er stets vertreten war. Nur in der letzten Ausgabe vor drei Jahren war er nicht dabei, was er nicht ganz ohne Wehmut anmerkt. Es fehlte einer der großen saarländischen Künstler.
„Blöde Büsten. Malerei und Druckgrafik von Volker Lehnert, bis 4. Oktober 2026, Kunstverein Dillingen, Öffnungszeiten: SA und So, 14 bis 18 Uhr