Fast unbemerkt wurde David Grube-Palzer im November des vergangenen Jahres neuer Leiter der Alten Sammlung des Saarlandmuseums im ehemaligen Kreisständehaus am Schlossplatz. Was er kann, beweist der junge Kunstwissenschaftler in seiner ersten Wechselausstellung „Alte Sammlung reloaded: Paul Morrison zu Besuch“. Grube-Palzer verspricht einen Neuanfang und setzt der Alten Sammlung Werke des zeitgenössischen Künstlers Paul Morrison gegenüber. Die Idee, alte und neue Kunst zu kombinieren, ist nicht neu. Die wechselseitige Befruchtung wird in vielen Museen ausprobiert. Auch unter Jahn gab es im Saarlandmuseum diese Versuche der Belebung und Erschließung eines neuen Publikums.
Die Alte Sammlung ging aus dem Saarbrücker Heimatmuseum hervor und genauso wird die Dauerausstellung auch präsentiert. Die Präsentation mit Kulturgütern wie Möbeln und Porzellan wirkt altbacken und willkürlich. In den Stellwänden sind zugegipste Löcher erkennbar, die Besucherführung ist chaotisch. Das jedoch soll sich ändern, verspricht Grube-Palzer und schwärmt: „Im Depot schlummern so viele herausragende Werke, die müssen einfach ausgestellt sein.“
Die Idee, Morrison mit der Sammlung zu verbinden, stammte von Museumsleiterin und Kunstvorständin Lisa Felicitas Mattheis. Sie hatte Verbindungen zu Morrison und der ihn vertretenden „Knust Kunz Gallery“ in München. Grube-Palzer schaute sich die Idee kurz an und war begeistert. Es ist die erste Saarbrücker Ausstellung des jungen Sammlungsleiters, der zuvor an der Universität Jena und am Museum Georg Schäfer tätig war.
Einen großen Fehler hat er vermieden. In solchen Ausstellungen existieren Werke oft sehr stark nebeneinander, statt miteinander in Dialog zu treten. Oft wird zu viel Altes neben zu wenig Neues gehängt. In Saarbrücken hat man das anders gemacht und Morrison breiten Raum gegeben. Das Museum feiert den Briten und ergänzt historische Gemälde, wo es sinnvoll ist. Morrison scheint die Ausstellung beinahe zu dominieren, doch das Verhältnis ist ausgeglichen. 22 Werke stammen vom zeitgenössischen Künstler und 19 aus der Saarbrücker Sammlung.
Morrisons bricht mit traditionellen Sehgewohnheiten. Seine Motivwelt passt perfekt zu den historischen Gemälden, denn das vorherrschende Thema seiner Werke ist die Landschaft. International bekannt ist er für seine teils großformatigen, monochromen Pflanzen- und Landschaftsdarstellungen.
In seinen meist großformatigen Bildern kombiniert Morrison pflanzliche Formen aus unterschiedlichen Quellen – wie Gemälden, Comics oder botanischen Büchern – mit schematischen Darstellungen von Landschaften. So entstehen atmosphärisch dichte Bildräume. Im Vordergrund wuchern Pflanzen, dahinter sprießen Blüten. Vereinzelt stehen Bäume dahinter, manchmal nur Fragmente davon. Eine Linie deutet den Horizont an und eine kreisrunde Scheibe erinnert an die Sonne oder den Mond. Immer wieder finden sich auch grafische Elemente wie Linienmuster. Gelegentlich werden diese zu barocken Rahmen im Bild. Manchmal setzt Morrison auch ein Brett in die Szenerie, in das er ein Guckloch einfügt, das uns Zugang zur Landschaft gewährt. Zusätzlich schafft er Verfremdungen bekannter Gemälde, indem er sie in ein grobes Punktraster überführt.
Der Bildraum wirkt inszeniert, die Größenverhältnisse werden ad absurdum geführt – und doch fügt sich alles sinnvoll zusammen. In einem monumentalen Wandteppich invertiert der Künstler die Farben, sodass der Eindruck eines Röntgenbildes entsteht. Auch in der Materialwahl ist Morrison radikal. Neben Druck und Pinselmalerei schafft er reliefartige Bilder, Plastiken, Tapisserien und Keramikarbeiten. Immer wieder verwendet er Blattgold.
Demgegenüber setzt Kurator Grube-Palzer exquisite Landschaften aus den Depots der Alten Sammlung und beweist deren Qualität. Zu sehen ist beispielsweise Courbets „Stillleben mit Blumen“ neben einem Großformat von Morrison. Trotz der geringeren Größe geht das alte Gemälde nicht unter. Atemberaubend ist auch Johan Boumans „Stillleben mit Früchten“ von 1653, dessen Erdbeeren und Zitronen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Ebenfalls wunderbar ist die „Flusslandschaft mit fahrendem Volk“ (um 1601) des flämischen Meisters Anton Mirou. Jedes Bild ist ein Meisterwerk.
„Alte Sammlung reloaded: Paul Morrison zu Besuch“, bis 31. Januar 2027, Alte Sammlung, Saarlandmuseum