Mahbuba Elham Maqsoodi, Satanssturz, Detail, Entwurf für die Abtei St Mauritius, Tholey, 2019, Acryl auf Papier, Foto_Atelier Maqsoodi
Mahbuba Elham Maqsoodi, Satanssturz, Detail, Entwurf für die Abtei St Mauritius, Tholey, 2019, Acryl auf Papier, Foto_Atelier Maqsoodi
14. April 2026

Der Mensch im Mittelpunkt

Die Städtische Galerie Neunkirchen zeigt aktuelle Arbeiten der Künstlerin Mahbuba Maqsoodi, die mit ihren Glasfenstern in der Mauritiuskirche Tholey bekannt wurde.

Auch wenn die meisten Touristen wegen der Glasfenster von Gerhard Richter in die Abteikirche St. Mauritius nach Tholey kommen, sind die 29 Fenster der afghanischstämmigen Künstlerin Mahbuba Elham Maqsoodi der eigentliche Höhepunkt eines Besuchs. Während Richter mit seinen abstrakten Farbgebilden eine transzendente Wirkung erzielt, erzählt Maqsoodi mit ihren Fenstern Geschichten der Bibel auf zeitgemäße Weise neu. Die strahlend-expressiven Farben der Fenster tauchen die Kirche bei Sonnenschein in ein magisches Licht.

Dass eine Muslima die Fenster einer der bedeutendsten Kirchen Deutschlands ausgestaltet hat, ist immer noch so ungewöhnlich, dass es erwähnenswert ist. Auch in Tholey gab es Bedenken, doch die Benediktinermönche setzten sich durch.

Maqsoodi selbst sieht sich allerdings nicht unbedingt als gläubige Muslimin: „Wer wirklich gläubig ist, der muss ganz und gar auf seinen Glauben vertrauen und nicht hinterfragen.“ Das aber möchte die in München lebende Künstlerin nicht für sich gelten lassen. Sie möchte zweifeln und fragen dürfen. So wandelt die Künstlerin zwischen den Welten und packt universelle Themen in biblische Motive.

Ihr liberales Gedankengut wurde ihr bereits in die Wiege gelegt. Sie wurde 1957 in Herat im Nordwesten Afghanistans geboren. Ihr Vater, der Lehrer war, legte großen Wert darauf, dass auch seine Töchter eine gute Schulausbildung erhielten. Maqsoodi besuchte das Gymnasium, studierte und arbeitete einige Jahre als Lehrerin. Doch schon in ihrer Schulzeit hatten ihre Eltern ihr Talent erkannt und sie zu dem Maler Fazl Maqsoodi geschickt, der sie in persischer Miniaturmalerei unterrichtete. Die Farbigkeit und der Detailreichtum der Miniaturmalerei prägt ihr Werk bis heute, wie sie erzählt.

Die Schülerin und ihr Lehrer wurden ein Liebespaar und heirateten. Noch vor dem Einmarsch sowjetischer Truppen gingen sie mit einem Stipendium nach Russland, wo Maqsoodi in Sankt Petersburg Kunst studierte und später an der Stieglitz-Akademie in Kunstgeschichte promovierte. Als ihre Aufenthaltsberechtigung ablief, beantragten die Künstler mit ihren beiden Kindern Asyl in Deutschland und ließen sich in München nieder.

Maqsoodis Kunst ist von einer Spiritualität geprägt, die nicht unbedingt religiös konnotiert ist. Vielmehr ist es die Liebe zum Leben und den Menschen, die sie beseelt. Betritt man den Ausstellungssaal in Neunkirchen, fällt sofort auf, dass kaum ein Bild existiert, auf dem nicht menschliche Figuren zu sehen sind.

Die Kuratorinnen Dr. Liane Wilhelmus und Meike Lander haben die hintere Wand einem Fenster aus Tholey gewidmet. Der Titel „Gut & Böse“ lässt nicht unbedingt auf ein christliches Thema schließen und erlaubt eine zeitgemäße Interpretation. Dargestellt ist der Sturz des Teufels durch den Erzengel Michael. Doch etwas ist anders, als es bei Darstellungen dieser Geschichte sonst üblich ist. Während der Erzengel in der christlichen Ikonografie meist mit Schwert oder Lanze dargestellt wird, steckt in Maqsoodis Bild das Schwert in der Scheide. Mit bestimmender Geste fordert der Erzengel den Satan zum Sturz aus dem Himmel. Die Künstlerin glaubt fest daran, dass das Wort mächtiger ist als das Schwert und dass Konflikte friedlich gelöst werden müssen. Der Kampf zwischen Gut und Böse wird bei Maqsoodi friedlich entschieden. Ein Mahnmal für eine friedliche Welt und gegen den Missbrauch von Macht. 

Um das Werk aus seiner Allegorie zu lösen, haben die Künstlerin und die Kuratorinnen das Fenster „zerlegt“. Von dem Fenster existieren quadratische Malereien als 1:1-Vorlagen, die nun neu arrangiert an der hinteren Wand hängen. Dadurch werden sie vollständig aus der biblischen Geschichte gelöst. Die Szenerie beweist den unglaublichen Detailreichtum des Fensters. Auf der Empore sind zahlreiche Vorzeichnungen ausgestellt, die ebenfalls beeindruckende Kunstwerke sind.

Besonders spannend in der Ausstellung ist das Mittelkabinett mit den hinterleuchteten Arbeiten. Hier lässt sich aus der Nähe nachvollziehen, wie Maqsoodi Tiefe erzeugt. Manchmal ist das Glas in mehreren Schichten geätzt, dann wieder sind mehrere Scheiben laminiert. Nur selten arbeitet die Künstlerin mit klassischen Bleiglasfenstern.

Ihr aktuelles Projekt „Lebenslinien“, das neben Künstlerfenstern auch die Schaffung eines „Ortes der Stille“ umfasst, wird derzeit im Franziskanerinnenkloster Reute in Bad Waldsee errichtet. Erste Arbeitsschritte sieht man auch in Neunkirchen. Es handelt sich um ein Wandbild aus farbig geätztem Glas, das mit Spiegeln laminiert wurde. So wird der Betrachter Teil des Werkes und ganz auf sich zurückgeworfen. „Ich erhoffe mir“, so die Künstlerin, „dass mein Werk zu Selbsterkenntnis führt und aus dieser Selbstheilung wird.“

Auch in den freien Arbeiten abseits der sakralen Fenster steht der Mensch im Mittelpunkt – mal fast porträthaft, meist aber stark abstrahiert als Gruppe oder als sich auflösende Ansammlung menschlicher Leiber, dargestellt in expressiver Farbigkeit, hoch dynamisch und stark bewegt. Die Formen sind häufig ineinander verwoben, lösen sich in Liniengewittern und Farbnebeln auf und verbinden sich neu.

„Mahbuba Maqsoodi. Glaubhaft“, Städtische Galerie Neunkirchen, bis 31. Mai 2026

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