Max Slevogt, Der Hauptmann spricht zu den Räubern (Ali Baba), um 1898-1903, Gouache über Feder in Tusche, Deckweißhöhungen, Foto: Tom Gundelwein
Max Slevogt, Der Hauptmann spricht zu den Räubern (Ali Baba), um 1898-1903, Gouache über Feder in Tusche, Deckweißhöhungen, Foto: Tom Gundelwein
14. April 2026

Ein wahrer Augenschmaus

Die Moderne Galerie widmet Max Slevogt und seinem Verleger Bruno Cassirer eine sehenswerte Ausstellung, welche die fruchtbare Arbeitsfreundschaft intensiv beleuchtet.

„Auf zu neuen Werken“ rief Max Slevogt seinem Verleger Bruno Cassirer auf einer illustrierten Postkarte zu. Auf der Vorderseite prangen hinter dem Schriftzug mehrere Figuren aus Illustrationen des Impressionisten, dazu Cassirer in einem Trabrennwagen. Die Postkarte bildet den Auftakt zur Ausstellung „Auf zu neuen Werken. Max Slevogt und sein Verleger Bruno Cassirer“ in der Modernen Galerie in Saarbrücken.

Schon wieder Slevogt? Gerade erst im Jahr 2023 hat die Moderne Galerie mit „Slevogt und der Wilde Westen“ eine umfangreiche Werkschau präsentiert. Doch abgesehen davon, dass die aktuelle Ausstellung ein wahrer Augenschmaus ist, freut man sich immer wieder über eine Begegnung mit dem 1868 in Landshut geborenen und in München studierten Maler. Langweilig wird er nie.

Die Ausstellung verdankt man den Forschungen von Dr. Eva Wolf vom Saarlandmuseum. Sie forscht seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Landesmuseum Mainz und dem Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Landesbibliothek Speyer zu Slevogt. Zur Zusammenarbeit war es gekommen, weil das Saarbrücker Museum ein umfangreiches Werkkonvolut besitzt sowie Tausende Archivmaterialien wie Postkarten und Briefe.

Damit lässt sich auch die intensive Zusammenarbeit mit dem Berliner Verleger Bruno Cassirer nachvollziehen. Die beiden hatten sich bei der Berliner Sezession kennengelernt, wo Slevogt Mitglied war und Cassirer als „Sekretär“ arbeitete. Ab 1898 betrieb Cassirer gemeinsam mit seinem Cousin Paul in Berlin eine Galerie mit Kunstverlag, der bald zu den wichtigen Adressen der Impressionisten avancierte. Als sich die beiden im Jahr 1901 trennten, behielt Bruno den Verlag. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, Künstlerbücher zu verlegen, deren Illustrationen sich aus ihrer begleitenden Rolle gegenüber dem Text lösen und eine eigenständige Kunstform sein sollten. Der künstlerische Anspruch war hoch, wie Briefe Cassirers belegen. 

Da kam Slevogt gerade recht, der seine Illustrationen als gleichberechtigte Kunstform neben dem Text sah. Seine überbordende Fantasie und der lebendige Zeichenstil waren perfekt für Buchillustrationen geeignet. Er selbst bezeichnete sie als künstlerische „Improvisationen“. Mit Slevogts dynamischen und fantasievollen Welten fand Cassirer etwas völlig Neues, das sich von den damals üblichen idyllischen Märchenwelten anderer Illustratoren grundlegend unterschied.

Die Arbeit des Verlegers ist nicht zu unterschätzen. Er hielt dem Künstler den Rücken frei und bewältigte die drucktechnischen Herausforderungen, die Slevogts Werke mit sich brachten. So musste Cassirer immer wieder nach passenden Produktionsverfahren suchen und scheute weder Kosten noch Mühen, wie die Ausstellung eindrucksvoll beweist. Da Slevogt die Sommermonate häufig in der Pfalz verbrachte, mussten viele Details auf postalischem Weg geklärt werden. Die über 380 Schriftstücke geben einen guten Einblick in die Entstehung der zwischen 1903 und 1928 geschaffenen 51 Mappen und illustrierten Bücher.

Bereits ab 1898 arbeitete Slevogt an der Illustration der Geschichten aus „1001 Nacht”. Die Erzählungen müssen ihn so beeindruckt haben, dass er das Gemälde „Scheherazade” schuf. Darin wird die Geschichte der Titelheldin erzählt: Um ihrer Hinrichtung zu entgehen, erzählte sie dem persischen König Schahryar jede Nacht eine Geschichte, die sie an einer spannenden Stelle abbrach, um seine Neugier zu wecken und die Hinrichtung zu verzögern. „Ali Baba“ war das erste gemeinsame Buchprojekt von Slevogt und Cassirer. Für dieses Projekt fertigte der Zeichner mehr als hundert Werke an, von denen Cassirer 42 auswählte. Es folgten neben Sindbad auch europäische Sagen und Märchen.

Eines seiner größten Projekte war die Autobiografie des Bildhauers Benvenuto Cellini, der in zahlreiche Kämpfe, Intrigen und Liebesabenteuer verwickelt war und somit einen handlungsreichen Stoff bot. Slevogt schuf über 300 Tuschelithografien. 

In der Ausstellung begegnet uns Slevogt immer wieder in Selbstporträts, auf denen er als lebensfroher Genussmensch erscheint. Doch den Künstler plagten auch düstere Gedanken. Spätestens seine Kriegsteilnahme im Ersten Weltkrieg scheint auch dunkle Visionen gefördert zu haben. Sein „Kriegstagebuch“ ist Ausdruck der Verarbeitung dessen, was der Künstler erlebt hatte. Auch die Grafikmappe „Schwarze Scenen“ zeigt menschliche Abgründe. 

Eines der letzten großen Projekte der Freunde war zugleich eines der aufwendigsten. Goethes „Faust II” galt lange Zeit als nicht illustrierbar. Innerhalb von zwei Jahren schuf Slevogt 500 Zeichnungen und Radierungen, deren Reproduktion sehr aufwendig war. Dies ist eines der spannendsten Kapitel der Ausstellung, da hier gut nachvollziehbar wird, wie aufwendig ein solches Buch zu Beginn des 20. Jahrhunderts produziert wurde.

Überhaupt ist es ein großes Verdienst der Saarbrücker Ausstellung, die künstlerischen Werke und ihre Entstehung in den Mittelpunkt zu rücken und unmittelbar erfahrbar zu machen, wie die künstlerische Arbeit der beiden Kunstbesessenen funktionierte.

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