Steigt man die Stufen zum Ausstellungsbereich des Saarländischen Künstlerhauses empor, schaut man erst einmal in ein überdimensionales Aluminiumrohr, an dessen Ende Licht ist. Das kommt von einem Projektor, der die Videoprojektion „Baum“ an die Wände wirft und auch mit der Architektur des Raumes spielt. Was als Gesamtkunstwerk funktioniert, besteht tatsächlich aus dem Zusammenspiel von drei unabhängigen Arbeiten von Ana Holzhauser und Anja Köhne. Während Köhne mit Fotografie und Video arbeitet, ist Holzhauser mit plastischen Arbeiten vertreten. Beiden gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit der Thematik des Flüchtigen, das Spiel mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Innen und Außen mit Positiv- und Negativraum.
Die Ausstellung „FOG – Das Sichtbarwerden von Luft“ funktioniert wohl auch deshalb so gut, weil beide sich der Thematik zwar sehr unterschiedlich annähern, aber doch im Kern sehr ähnlich damit umgehen. Köhne zeigt in ihrer Videoinstallation Bäume, die sich im Wind bewegen, das Bild ist dynamisch, Luft wird hier als Bewegung in den Zweigen sichtbar. Im zweiten Galerieraum hat Holzhauer die Arbeit „Luftkörper (245 kg)“ am Boden ausgebreitet. Es ist zerbröselte Tonerde, die an die Mondoberfläche erinnert. Die Tonerde bildet einen massiven Körper, aufgrund der zerbröselten Masse sind darin aber in den Hohlräumen riesige Mengen Luft enthalten. Der Körper definiert zugleich aber auch umgebenden Raum, der aus Luft besteht.
Ähnlich verhält es sich mit „o.T. (Gefäß)“, einem aufgeschnittenen Basketball, der nun zur Schale wird und seinen Hohlraum preisgibt. Ergänzt werden die zahlreichen plastischen Arbeiten von Köhnes „o.T. (Wellen)“, eine wandfüllende Videoprojektion, die plätscherndes Wasser zeigt, in dem etwas Goldenes schimmert.
Die Ausstellung nichts leicht zu Konsumierendes, man muss sich Zeit nehmen und sich die Werke erschließen. Schnell aber zwingen die Arbeiten zum Hinschauen und man versinkt in Grübeln. Die beiden Künstlerinnen wollen Luft und Wasser als „Bild für Übergänge sehen, für das Prä- und Postnatale, für den Moment, in dem sich Leben formt und gleichzeitig entzieht.“ Das ist zwar nachvollziehbar, wirkt aber künstlich aufgeladen. Die formalen Fragen der Arbeiten sind eigentlich viel spannender und mitreißender. Was ist Werk und was ist Raum? Wie macht man Unsichtbares sichtbar?
Im Studio hat sich die Hannoveraner Künstlerin Joanna Schulte mit der Arbeit „Retour“ ausgebreitet. Die Künstlerin hat von verschiedenen Aufenthalts-, Ausstellungs- oder Stipendienorten aus Briefe „an Oliver“ verschickt. Keine Empfängeradresse, keine Hinweise. Die Briefe kommen alle „zurück an Absender“ oder „retour“ – manchmal versehen mit dem Hinweis, dass die Frankierung nicht ausreiche oder der Empfänger nicht zu ermitteln sei. Ungefähr 1700 Briefe hat Schulte seit 2012 verschickt, nun auch einige aus dem Künstlerhaus. Doch auch hier muss Oliver warten, die Post kam zurück in die Karlstraße 1. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Umschläge als Ersttagsbriefe aus der DDR, die am ersten Gültigkeitstag der verwendeten Briefmarken abgestempelt wurden und meist eine besondere Gestaltung aufweisen, welche das Thema der Marke feiert.
Mit den frankierten Umschlägen holt uns Schulte ein Stück DDR-Geschichte zurück. Die Marken sind Zeugnis von Kultur, Politik und Gesellschaft des untergegangenen Staates. Schulte öffnet so Erinnerungsräume. Es ist eine wunderbare und vielschichtige Arbeit, die politische Fragen behandelt und in die deutsch-deutsche Vergangenheit einbettet. Zugleich sind die Werke immer auch Reminiszenz an eine im Untergang befindliche analoge Welt, in der man sich noch handschriftliche Briefe zusandte.
Schon am Eingang zu den Ausstellungsräumen wabern von irgendwoher kontemplative Klänge, die den Besucher in einen wohligen Klangteppich hüllen. Die „Musik“ kommt aus dem Studioblau im Keller des Künstlerhauses. Dort durfte sich Roman Conrad austoben. Der Klang- und Experimentalkünstler hat an der HBKsaar bei Hausig und Oldörp studiert und war im vergangenen Jahr Atelierstipendiat im Künstlerhaus. Mit „Analogien vom Rande des Aux-Wegs“ präsentiert er eine „Abschlussarbeit“.
Conrad hat sich der Akusmatik verschrieben, einer Klangwelt, die keine klar erkennbare Quelle hat und sich meist durch den Raum bewegt. Im Studioblau hat er sieben Winkel auf dem Boden platziert, die in auf- und abschwellenden Farben aufleuchten, begleitet von sphärischen Klängen. Das ist ästhetisch und akustisch nicht nur wunderschön, sondern man gerät fast in einen Trancezustand, wenn man es sich im Keller gemütlich macht. Am 6. März wird Conrad außerdem ein Hörstück präsentieren, dass er speziell für das Studioblau entwickelt hat.
bis 22. März 2026, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken