Blick in die Ausstellung von Seiji Kimoto in der Städtischen Galerie Neunkirchen, Foto. Beate Kolodziej/Städtischen Galerie Neunkirchen

Kunst im Widerstreit

Die Städtische Galerie Neunkirchen zeigt in einer Gedenkausstellung Werke aus den letzten Lebensjahren von Seiji Kimoto.

Es gibt kaum einen besseren Ort für eine Gedächtnisausstellung für Seiji Kimoto, als die Städtische Galerie Neunkirchen. Vor fünf Jahren richtete ihm das Haus eine retrospektive Ausstellung zu seinem Werk aus, außerdem lebte der in Osaka 1937 geborene Kimoto im Ortsteil Wiebelskirchen, wo er im April verstarb. Kein anderer zeitgenössischer Künstler ist so eng mit der Stadt verbunden. 

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie konzentriert sich nun auf das zeichnerische Werk aus den letzten fünf Jahren, darunter auch Arbeiten, die nur wenige Wochen vor seinem Tod entstanden. Der Landtag des Saarlandes wird im Januar 2023 mit einer Ausstellung zum bildhauerischen Werk anschließen.

Kimoto studierte Innenarchitektur und ZEN-Malerei in seiner Heimatstadt und kam dann ins Saarland, wo er an der Staatlichen Werkkunstschule bei Boris Kleint studierte. Wie kaum ein zweiter Künstler vereinte er schon früh moderne westliche Kunsttheorien mit traditioneller japanischer Malerei und Kalligrafie.

Wie bei den bildhauerischen Arbeiten ist auch bei vielen Zeichnungen der Mensch im Spannungsfeld zwischen Macht und Ohnmacht das alles bestimmende Thema Kimotos. Galerieleiterin Nicole Nix-Hauck erklärt: „Die Symbolik im Werk ist geprägt von Ungerechtigkeit, Unfreiheit, Gewalt und Unterdrückung.“ Beispielhaft dafür zeigt die Galerie die beiden großformatige Leinwandarbeiten „Abschottung“ und „Ausgrenzung“, die das Leid der unzähligen auf der Flucht verstorbenen Migranten verbildlicht.

Im Zentrum der Ausstellung stehen aber Kimotos Tuschebilder, die auf der Tradition der japanischen ZEN-Malerei gründen. Der spontan scheinende gestische Duktus ist nicht vom Zufall gesteuert, sondern Ausdruck kontemplativer Konzentration in Verbindung mit einem festen Formenkanon und der bewussten Reduktion der Bildmittel. „Ihre räumliche Dimension gewinnen die Bilder durch die besondere Verwendung von Pinsel und Tusche“, so Nix-Hauck. „Streng beschränkt auf ein tiefes Schwarz und ein leuchtendes Orangerot entwickelte Kimoto durch die Verwendung unterschiedlicher Pinsel und einer speziellen Pinseltechnik unzählige Ton- und Helligkeitsabstufungen“, so die Galerieleiterin. Dies verbindet der Künstler mit einer figurativen Formensprache, die er auch in seinem plastischen Werk nutzt. Seine Arbeiten leben von dem Widerstreit aus Abstraktion und Figuration, die er im Kampf der Bildelemente miteinander austrägt: Bewegung und Ruhe, Schwere und Leichtigkeit, Spaltung und Bindung, Spannung und Lösung werden spürbar.

Wichtiges Bildsymbol ist das Seil, das auch im plastischen Werk immer wieder auftaucht. Gemalt, gezeichnet oder als Collage aufgeklebt gibt es Halt, dann ist es Fesselung, mal der sprichwörtliche seidenen Faden, an dem alles hängt, dann wieder dickes Tau und Werkzeug. Imm wieder tauchen auch figurativ ausgeführte Körperteile auf, sind Hände, Füße oder Köpfe auszumachen.   

Die Ausstellung offenbart aber einen weiteren Aspekt im Werk des deutsch-japanischen Künstlers. Immer wieder arbeitete er in den vergangenen Jahren mit japanischer Kalligrafie, die er um figurative Elemente erweiterte. Mal sind es japanische Haiku, die er aufzeichnete, dann nahm er kurze Gedichte deutscher Schriftsteller auf, die er in die japanische Zeichensprache überführte. Bei der Auswahl der Verse bewies er einen hintersinnigen Humor. So wählte er das „Schlängelchen“ von Joachim Ringelnatz oder „Die Vogelscheuche“ von Christian Morgenstern. Beide Literaten schätze Kimoto. Die japanischen Schriftzeichen sind nicht als wörtliche Übersetzung zu verstehen, sondern als bildliche Übersetzung mit ästhetischem Anspruch, die sich nur schwerlich vorlesen ließen. Zur Seite stellte er den Zeichen knappe „Illustrationen“ der Inhalte.

Im zentralen Kabinett des Ausstellungssaales zeigt die Kuratorinnen Nicole Nix-Hauck und Beate Kolodziej eine der letzten großen Arbeiten des Künstlers. Zum 100. Stadtjubiläum gab die Neunkircher Stadtverwaltung bei Kimoto eine Plastik in Auftrag. Seit 2020 arbeitete er an dem Entwurf der Großplastik. Zahlreiche Zeichnungen, Skizzen und Kartonmodelle verdeutlichen wunderbar den künstlerischen Prozess Kimotos und sein Ringen um die Form. Künstler und Stadtverwaltung entschieden sich schließlich für eine 4,80 Meter hohe und 6 Meter lange Metallskulptur, welche die Umrisse einer Figurengruppe darstellt, die auf einem Sockel aus stilisierten Wellen und Flammen in der Blies stehen wird. Die Fertigstellung und Einweihung des Kunstwerks wird Seiji Kimoto leider nicht mehr erleben dürfen. 

Seiji Kimoto, Worte und Zeichen im Fluss, Städtische Galerie Neunkirchen, bis 22. Januar 2023

Mittwoch, Donnerstag, Freitag: 10.00 bis 18.00 Uhr
Samstag: 10.00 bis 17.00 Uhr
Sonntag: 14.00 bis 18.00 Uhr

Der Eintritt ist frei.

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