Lu Guang, Worker in a small smeltering factory, Wuhai City, Inner Mongolia, 2005
Lu Guang, Worker in a small smeltering factory, Wuhai City, Inner Mongolia, 2005
4. Juli 2024

Das Ende eines Mythos

Diese Ausstellung geht uns alle an. „Man & Mining“ in der Völklinger Hütte zeigt in Videos, Installationen und Fotografien die katastrophale Ausbeutung der Erde und vieler Menschen für unseren Konsum.

Um es gleich vorwegzunehmen: es sind betörend schöne Bilder und zugleich unendlich verstörende. Die gestern gestartete Ausstellung „Man & Mining“ in der Erzhalle der Völklinger Hütte zeigt in zahlreichen Videos, Fotografien und Installationen die künstlerische Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozialen Folgen steigender Konsumbedürfnisse moderner Gesellschaften. 

Zu den dringendsten Themen unserer Zeit gehört der Umgang mit Ressourcen. Unsere Konsumgier ist unstillbar, der Ressourcenhunger genauso. Gerne suggerieren wir uns selbst, dass mit dem „digitalen Zeitalter“ und der „postindustriellen Epoche“ der Rohstoffabbau ein Ende hat. Der Kohleabbau in der Region ist beendet, die Stahlproduktion auf dem Weltmarkt marginalisiert und die Digitalisierung schreitet voran. Doch die Ausstellung offenbart, was wir alle eigentlich wissen: Wir haben die „schmutzigen“ Rohstoffgewinnung nur in den globalen Süden ausgelagert, zerstören dort ganze Lebensräume und versklaven Menschen zur Deckung unseres Konsumbedarfs. Das macht die Ausstellung anschaulich bewusst und entlarvt die Immaterialität des Digitalzeitalters als Mythos, wie Generaldirektor Ralf Beil in der Pressekonferenz erklärte. 

Am eindrücklichsten wird das in einer Gegenüberstellung ganz am Anfang. Da hängt ein Hundert Jahre altes Foto, das Frauen beim Entladen von Erzkähnen in Völklingen zeigt. Schräg gegenüber im Raum ein Foto des norwegischen Fotografen Johnny Haglund, das indische Mädchen beim Schleppen von Körben von Eisenerz im Jahr 2014 zeigt. Es hat sich wenig geändert in den letzten hundert Jahren, die Ausbeutung von Mensch und Natur hat sich einfach nur verlagert. 

Wie sehr die menschenunwürdige Schufterei mit uns zusammenhängt, will eine Arbeit des Künstlerkollektivs „Unknown Fields“ aufzeigen. Auf einem Küchentisch liegen Tageszeitungen mit Börsenkursen. In die Oberfläche haben Minimaschinen die geomorphologische Oberfläche von Tagebaulandschaften gefräst. Immer wieder begeistert Unknown Fields in der Ausstellung mit einer Kombination aus Video und Installation. Im hinteren Bereich der Erzhalle läuft ein Video, das den Edelstein-Tagebau auf Madagaskar thematisiert. Für ihre Arbeit erhalten die Arbeitenden eine Tagesration Reis. Diese Handvoll Reis hat das Künstlerkollektiv zu einem Diamanten pressen lassen und in einen Goldzahn gesetzt. Der Werktitel „All up in my Grill“ spielt auf den pompösen Zahnschmuck von Hiphop-Sängern an, die ihren Reichtum damit zur Schau stellen.

Unknown Fields bohrt weiter in unserem gesellschaftlichen Umgang mit Konsum, der häufig mehr vom Haben-wollen als dem Haben-müssen geprägt ist.  Auch „Rare Earthenware“ ist eine Installation, die von einer Videoarbeit begleitet wird. Das Video beginnt mit einer endlosen Weite aus schwarzem Schlamm. Der See liegt in der Inneren Mongolei in China. Es sind radioaktive Abfälle, die bei der Gewinnung seltener Erden entstehen, die wir für jedes Gerät brauchen, das eine Platine birgt: vom Smartphone, über Tablets und Computer bis zur E-Auto-Batterie. Aus dem toxischen Schlamm formten die Künstler Vasen, welche die Menge an Schlamm verarbeiten, die solche Geräte zurücklassen. 

Mit den seltenen Erden beschäftigt sich auch die britische Medienkünstlerin Lisa Rave. Sie thematisiert den Tiefseeabbau von Europium vor der Küste Papua-Neuguineas. Das Metall der seltenen Erden und kommt in Muschelschalen vor. Seine fluoreszierende Eigenschaft wird für Farbdisplays genutzt. Es ist die gewollte Ironie der Arbeit, dass diese als Video auf genauso einem Fernsehdisplay läuft.

Besonders berühren die Bilder des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo. Er porträtierte die Menschen, die auf der Müllhalde Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra arbeiten. Sie verbrennen dort Elektroschrott aus den Vereinigten Staaten und Europa, um Kupfer, Stahl und Aluminium zu recyceln. Wolken von giftigem Qualm hängen über dem Schrottberg. Angemessene Schutzkleidung und Atemmasken sucht man hier vergeblich. Ähnlich erschreckend ist die Dokumentation des Fotojournalisten Lu Guang, der sich schon länger mit den sozioökonomischen und ökologischen Problemen seines Heimatlandes China auseinandersetzt. 

„Man & Mining“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum der Arbeit in Hamburg. Es ist eine eindrückliche Schau geworden, die das Publikum ohne Ausweg entlässt. So wird jeder Besucherin und jedem Besucher bewusst, dass es in erster Linie an jedem einzelnen liegt, zu entscheiden, was und wie viel wir wirklich brauchen.

Man & Mining, bis 1. September 2024, Erzhalle, Völklinger Hütte

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